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Jan Ullrich - Der Gejagte. Die buycycle Serienkritik.

Jan Ullrich - Der Gejagte. Die buycycle Serienkritik.

Team buycycle liebt Fahrräder und liebt Filme. Und um an einer Neujahrstradition festzuhalten, die wir letztes Jahr begonnen haben, gibt es zwischen den Feiertagen von uns mal keine Bike-Tipps, sondern einen Filmtipp. Oder Serientipp genauer gesagt. Im Rampenlicht heute: Jan Ullrich – Der Gejagte. Anfang Dezember 2023 erschien die Serie auf Amazon Prime und auch, wenn eingefleischte Radsportfans von ihr wahrscheinlich nicht viel Neues über den deutschen Radsportler und die Höhen und Tiefen seiner Karriere lernen, so lohnt es sich doch, die letzten freien Tage des Jahres zu nutzen und einen kleinen Binge-Marathon einzulegen...

Facettenreiches Porträt eines Sports, Staates und Mannes zugleich.

In den vier Folgen von Der Gejagte arbeitet das Filmteam um Sebastian Dehnhardt, der bereits für andere Sportfilme wie Das Wunder von Bern bekannt ist, sorgfältig, umfassend und ohne anklagende Töne die Geschichte eines der größten Radhelden der deutschen Sportgeschichte auf. Es geht um die Kindheit Ullrichs im Rostock der DDR, um seine komplizierten Familiendynamiken, um seine ersten Trainer, den Wechsel in die BRD, die Wendezeit und ihre Implikationen für Sportler aus der DDR. Es geht um den plötzlichen Druck bei Team Telekom, um sein sportliches Ausnahmetalent, seine Erfolge und seine unfassbare Bedeutung für das Image des Radsports im Deutschland der 90er Jahre. Aber eben auch um organisiertes und breitflächiges Doping im Radsport des späten 20. Jahrhunderts, darum, wie es ganze Teams und Karrieren dahin raffte, wie gesperrte Sportler sich in Drogen und Alkohol verloren und wie auch Ullrich ein ähnliches Schicksal einholte.

Den erzählerischen Rahmen dieser Reise in die glänzenden und in die dunklen Vergangenheiten seines Lebens bietet Ullrich's Re-Tour: Einmal noch will er auf dem Fahrrad die bedeutendsten Strecken seiner Karriere besuchen, eine Art Jakobsweg zurücklegen, wie sein Bruder es nennt. Das soll Ullrich befreien, nicht nur von seiner Doping-Schuld (die ja nun keinem und keiner mehr ein Geheimnis war), aber auch von Jahren des Selbstmitleids, des Trotzes und der Verdrängung, die den Sportler in berufliche und vor allem private Abgründe geritten hatten.

Dass es für ihn höchste Zeit ist, ehrlich und offen zu sprechen, das merkt man Ullrich an in dieser Serie. In den zahllosen Interviews gibt er sich gelassen und einsichtig, der alte Stolz und Trotz blitzt zwar immer wieder durch, aber als Zuschauer:in erkennt man direkt: Hier weiß jemand, dass weiter Verdrängen und Verleugnen nur noch mehr Unheil stiftet. Und hier will jemand Frieden finden. In den Szenen auf dem Fahrrad, in denen sich dieser mittlerweile in die Jahre gekommene Mann keuchend die Anstiege des Alp d'Huez oder nach Andorra-Aracalis hoch kämpft, driftet das geradewegs ins Philosophieren ab: "Eigentlich braucht man nur den richtigen Gang und viel Zeit und dann kommt man überall hoch", meint er. Und: "Radfahren ist einfach geil. Sport ist ja Leidenschaft, Liebe und auch eine Sucht". Da muss sich ja einer auskennen – die privaten Aufnahmen, in denen Jan Ullrich auf Drogen und Alkohol zu sehen ist, in denen er sieben Zigaretten gleichzeitig raucht und zuhause randaliert, werden erbarmungslos eingeblendet.

Diese erschreckenden und abstoßenden Aufnahmen werden aber von den Serienmachern auch insofern entschuldigt, indem Jan Ullrichs Sucht als tragische aber logische Konsequenz des jahrelangen Konsums von Dopingmitteln erklärt wird, da Radsportler wohl des Öfteren nach dem Ende ihrer Karriere nach den sportlichen Highs ihrer aufregendsten Rennen anderswo suchen. Aus der Affäre ziehen, können sie Ullrich mit dieser Strategie aber nicht, denn seine Ex-Frau interveniert treffend: "Das ist jetzt einfach mal zu 100% deine Schuld."

Es kommen alle zu Wort. Zu viele vielleicht.

So gut wie jede:r, der:die etwas mit deutschem oder internationalen Radsport, Jan Ullrich oder Doping-Strategien zu tun hatte, bekommt in der Serie einen gebürtigen Auftritt: Ullrichs erster Trainer, die Tochter seines mittlerweile verstorbenen Managers, der Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit von Team Telekom, Sportredakteur:innen der ARD, des Spiegels, der Bild, Sportmediziner, Doping-Experten, Ex-Profis (Lance Armstrong ist ein heimlicher Held der Serie), Familie und Freunde von Ullrich aber auch von Marco Pantani, dem italienischen Radhelden, der Anfang der 00er Jahre tragisch an einer Überdosis starb.

Dieses dichte Geflecht an Interviews schafft es, unzählige Facetten von Jan Ullrichs Karriere aufzudecken: Seine Kindheit und Jugend werden behandelt, sein Privatleben nach 2006, aber auf einmal geht es um das Image von Sport in der DDR und seiner sozialistischen Bedeutung, um die Geschichte von Doping im Radsport, um Tode von Sportlern bei der Tour de France, um Machenschaften von Trainern und Teams in diesem Kontext, um die Rolle der deutschen Medien nach Ullrichs Dopingskandal, den medizinischen Verlauf von Suchterkrankungen und um Til Schweiger.

Dass die Serienmacher damit so gut wie nichts Relevantes auslassen, hilft, ein umfassenden Blick in die Verstrickungen des professionellen Radsports und der Affäre Ullrich zu werfen. Aber eben auch einen sehr oberflächlichen, so werden zu viele, zu interessante Fragen angerissen, ohne je beantwortet zu werden. So zeigte Claudia Neumann, ZDF-Sportredakteurin, die lange Jahre am Fall Ullrich arbeitete, Skepsis und beinahe eine Spur Reue an der Anspruchshaltung der deutschen Medien gegenüber dem Sportler: Woher nahmen sich die Medien das Recht, Forderungen an Jan Ullrich zu stellen, Forderungen an seine persönliche Wahrheit, sein Geständnis? Woher das Recht, einen einstigen Nationalhelden so in Ungnade zu stürzen und damit auch seinen privaten Abstieg mitzubegründen?

Auch diese wichtige Frage und Überlegung bleibt unbeantwortet und wird lediglich gestreift, wie leider zu vieles in der Serie. Für eine Dokumentation, die Jan Ullrich im Namen trägt, wird zu oft in Kontexte und sportgeschichtliche Nebenfelder abgedriftet. Für alle, die in ungeahnte Tiefen seiner Karriere und Persönlichkeit eindringen wollten, verwässern diese thematischen Ausflüge den Kern der Serie und für die werden auch einfach keine Geheimnisse mehr gelüftet. Alles, was Der Gejagte zu seinem Fall zu berichten hat, war in der ein oder anderen Form eh schon lange bekannt. Nur halt noch nicht von ihm persönlich bestätigt.

All die, die aber ins verstrickte Netz Radsport und Doping eintauchen wollen, die dürfen Jan Ullrich in Der Gejagte als Erzählrahmen und Tor in diese Unterwelt sehen und für die sind die unzähligen touchierten Themen hochinteressante Ausführungen zu den komplexen Mechanismen und Machenschaften des Sports.

Gescheiterte Größen und heimliche Heldinnen.

Die allermeisten der Beteiligten an der Ullrich-Affäre kommen schlecht oder maximal neutral weg. Zu oft denkt man sich als Zuschauende:r, dass es doch überhaupt nicht sein kann, dass all diese Mitarbeitenden nichts vom tiefgreifenden Doping wussten. Zu oft kommen diese in die Jahre gekommenen Männer arrogant und überspielt rüber, zu oft wird der schnaufende Jan Ullrich und sein Pinarello auf endlosen Serpentinen abgebildet in dramatischen Drohnenshots, zu oft kommen bedeutungsschwangere Bässe und eingeblendete Tour de France Moderationen aus den Archiven von Radio- und Fernsehübertragungen zum Einsatz. Und etwas zu oft entsteht der Eindruck, dass die Überbleibsel des Radsports dieser Epoche mittlerweile leicht verbitterte, selbstgerechte Figuren geworden sind, die nicht so recht damit klarkommen, dass ihre Zeit vorbei ist und dass sie daran auch selbst beteiligt sind...

Wie etwa der Kopf des Dopingskandals, der spanische Sportmediziner Fuentes, der Dutzende Radfahrer mit Eigenblut therapierte, um ihre Leistung zu steigern. Er wäre ja freigesprochen worden, alles Lügen seien das, er habe nie etwas verbrochen, es wäre seine "Berufung" diese Sportler zu unterstützen. Oder der deutsche Radprofi Danilo Hondo, der beinahe zynisch verkündet, "ich war fünf mal dabei, als einer gestorben ist, am nächsten Tag ging's wieder weiter als wäre nix gewesen". Da muss man als Zuschauende:r schon schlucken.

Aber inmitten dieser gescheiterten Ex-Profis und deren Entourage, die bis heute nicht auf den Punkt bringen können oder wollen, was damals schief gelaufen ist, und dass es falsch war, wird die Serie klamm und heimlich von ein paar stillen Held:innen dominiert.

Da ist Lance Armstrong, dem man seinen zutiefst amerikanischen Idealismus ehrlich abnimmt und der empathisch und ermutigend auftritt. Da ist Ullrichs Ex-Frau, die ewig beunruhigt wirkt und doch in aller Klarheit und schmerzhafter Ehrlichkeit von den privaten Auswirkungen seines Dopings berichtet. Ein Lichtblick sind vor allem aber die Mütter. Jan Ullrichs Mutter, Marianne Kaatz ist der unverfängliche, bodenständige und ehrliche Pfeiler dieser Serie, zutiefst betroffen vom katastrophalen Aus ihres Sohnes und doch gleichermaßen unbeeindruckt von der Maschinerie, die ihn in eben jenes verstrickte. Er gewinnt die Tour de France und sie ist nur besorgt, dass er so abgenommen hatte. Das ist so rührend wie erfrischend in dieser doch sehr belegten, nachdenklichen Serie, die ewig auf der Suche nach Epos zu sein scheint. Und auch sie ist so klar wie erbarmungslos: Tonina Pantani, Mutter des verstorbenen Marco Pantani bringt die in der Serie kurz angeschnittenen Rollen von Sponsoren und Teams im Feld des professionellen Dopings erbarmungslos auf den Punkt:

Sie nutzen dich und dann werfen sie dich weg. So ist das leider, weil es Doping gibt. Das gab es immer und das wird es wahrscheinlich immer geben. Die Sportdirektoren wissen es, die Verbände wissen es. Der Verband weiß alles, sie machen aber eben das große Geld damit. Die Sportdirektoren auch, die Pharmakonzerne, alle. Und wenn die Fahrer nicht mehr nützlich sind, können sie weg.

Das sind steile Thesen und da spricht auch der Schmerz über den verlorenen Sohn aus ihr. Aber etwas dran ist schon und es ist Teil der Verflechtungen, in die der damals zu naive, zu unbedarfte und sich seiner Verantwortung nicht bewusste Jan Ullrich sich verstrickte. Auch, wenn diese Richtung des Verdachts nicht weiter verfolgt wird und somit ein weiterer wichtiger Gedanke nur gestreift wird, wird er immerhin angebracht. Und davon lebt diese Dokumentation schlussendlich: Nicht vom Porträt eines gescheiterten Radsporthelden, der sich langsam wieder in ein gesundes, glückliches Leben kämpft, nicht von brandneuen Enthüllungen, sondern von einem geschickt gewebten Einblick in den Radsport und seine Untiefen – und deshalb um jeden Preis sehenswert.

Uns von buycycle bleibt nun nur noch euch frohes Bingen zu wünschen und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Noch mehr Film- und Serientipps, vor allem aber alles rund ums Thema Bike findet ihr auf dem Blog und euer nächstes Traumfahrrad wartet vermutlich auf buycycle.com auf euch. In top Zustand und zu günstigeren Preisen findet ihr bei uns über 17.000 Rennräder, Gravel und Mountainbikes – bei Fragen und Inspirationsbedarf ist unser Team jederzeit für euch da... Bis nächstes Jahr also und wie immer: Happy browsing, happy cycling.